Die Wunderübung Kritik

Die Wunderübung Kritik

Seit mittlerweile 17 Jahren sind der Ingenieur Valentin (Devid Striesow) und Joana (Aglaia Szyszkowitz) verheiratetet. Ihre Kinder sind fast volljährig. Die Leidenschaft und Lust innerhalb der Beziehung sind jedoch schon lange verflogen, stattdessen dominieren regelmäßiger Streit, unbehandelte Konflikte und gegenseitige Vorwürfe den (Beziehungs-) Alltag der Beiden. Zusammen suchen sie einen Paartherapeuten (Erwin Steinhauer) auf, der die Wogen glätten und seinen Beitrag zur Rettung der Beziehung leisten soll. Schnell merkt der Therapeut in der probatorischen Sitzung, dass es sich bei dem Ehepaar tatsächlich um einen „schweren Fall“ handelt. Einen unerwarteten Verlauf nimmt die Sitzung, als der Therapeut eine Mail bekommt, die sein eigenes Leben auf den Kopf stellt.

„Die Wunderübung“ basiert auf einem erfolgreichen Theaterstück, das sich der Schriftsteller und Autor Daniel Glattauer 2014 ausdachte. Ein Jahr später feierte die Geschichte um das sich streitende Paar und ihren Therapeuten Premiere im Wiener Theater in der Josefstadt. Teil des Ensembles war damals der Schauspieler Jürgen Tarrach. Inszeniert wurde das Stück vom Wiener Regisseur und Produzenten Michael Kreihls, der auch bei der Filmfassung der „Wunderübung“ auf dem Regiestuhl saß. Gedreht wurde in der österreichischen Hauptstadt. Kreihls, der Kunstgeschichte und Archäologie studierte, inszenierte in seiner Karriere auch Kurzfilme sowie eine Folge der Krimi-Reihe „Tatort“ („Die schlafende Schöne“, 2005).


„Die Wunderübung“ ist ein minimalistisches, aufs Nötigste reduziertes (Klein-)Ensemble-Stück, das ganz auf die Schauspielkunst seiner beiden Hauptdarsteller zugeschnitten ist. Und auf die zwischen den Ehepartnern in der Luft liegenden Spannung, die Regisseur Kreihls mit inszenatorischem Feingefühl und in Nuancen einfängt. Diese genau beobachteten „Szenen einer Ehe“ sind eine der großen Stärken des Films. Das beginnt bereits bei der Fahrt des Paares zum Therapeuten, wenn sich Valentin und Joana – stillschweigend – gegenübersitzen, als wären sie einander völlig fremd. Weiter geht es im Haus des Therapeuten: Einer nimmt den Aufzug, der andere entscheidet sich für die Treppe – Hauptsache, man muss nicht miteinander kommunizieren. Derart angespannt ist das Verhältnis der Beiden zu diesem Zeitpunkt.

Nicht wenige Paare, vor allem jene die schon seit längerer Zeit in einer Partnerschaft leben, werden sich mit großer Wahrscheinlichkeit und mit einem Schmunzeln in einigen dieser Szenen wiedererkennen, die Kreihls sorgsam in seinen Film einstreut. Gerade zu Beginn steckt der Film voller solcher pointierter Momente. Doch auch während der Sitzung spielt „Die Wunderübung“ gekonnt und augenzwinkernd auf der Klaviatur feinsinnig beobachteter Geschlechterkomödien. Dabei konzentriert sich der Film zumeist auf das ausgefeilte Gestik- und Mimikspiel seiner Protagonisten. Man sollte sich beim Betrachten dabei durchaus auf das Gesicht und die Reaktionen desjenigen Partners konzentrieren, der sich gerade die Vorwürfe, Beschimpfungen sowie Anschuldigungen des anderen anhören muss. Wie Striesow und Szyszkowitz das Innere ihrer Figuren, also deren zutiefst aufgewühlte Gefühlswelt, mit Hilfe ihrer vielschichtigen mimischen Ausdrucksfähigkeit nach außen kehren, ist herrlich.

Einen Bruch in Dramaturgie und Stimmung erlebt „Die Wunderübung“ mit der unerwarteten, an den Psychiater gerichteten Mail, die den weiteren Verlauf der Sitzung entscheidend ändert – und die Rollenkonstellation ins Gegenteil verkehrt. Denn plötzlich sind es Valentin und Joana, deren therapeutische Fähigkeiten gefragt sind und die mit dem aus der Bahn geworfenen Seelenleben des Psychologen konfrontiert werden. Durch diese neue Rollenverteilung und im Rahmen der damit einhergehenden veränderten Vorzeichen erkennt das zerstrittene Ehepaar, dass es doch noch sehr viel gemeinsam und ähnliche Ansichten hat. Und auch die Gefühle füreinander scheinen noch vorhanden zu sein. In diesem – gewissermaßen – zweiten Teil geht es zwar weniger humorvoll und bissig zu als vor dem Rollentausch in der ersten Filmhälfte, der Twist treibt die Handlung aber entschieden voran und sorgt für Abwechslung.

Ein Faible für kammerspielartige, dialogreiche Filme und reduzierte Plots, die sich eben genauso gut auch auf der Theaterbühne inszenieren lassen, sollte man bei „Die Wunderübung“ jedoch in jedem Fall mitbringen. Ein Handlungsort, drei Darsteller, wenig Inhalt, überschaubare Laufzeit und ein höchst intimer Rahmen – all das zeichnet das Werk aus. Wer seine Freude an Filmen wie Polanskis „Der Gott des Gemetzels“ hatte, wird bei „Die Wunderübung“ aber ebenso auf seine Kosten kommen.

Fazit: Die toll besetzte, stilistisch wie inhaltlich aufs Nötigste herunter gebrochene Kammerspiel-Komödie „Die Wunderübung“ bietet ein herrlich pointiertes Dialogfeuerwerk, das die leichten Schwächen in der zweiten Filmhälfte ausgleicht.


Bewertung: 7/10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.

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