Die Frau in Schwarz Kritik

Er war zehn Jahre lang das Gesicht des Zauberschülers Harry Potter und wurde durch diese Rolle zu einem der bestbezahlten Jungschauspieler der Welt – nun versucht Daniel Radcliffe mit dem Gruselfilm „Die Frau in Schwarz“ einen Imagewechsel zu vollziehen. „Die Frau in Schwarz“ basiert auf Susan Hills gleichnamiger Schauernovelle aus dem Jahr 1983 und wurde bereits 1989 für das britische Fernsehen verfilmt. Co-produziert wurde die neue Verfilmung von den reanimierten legendären britischen Hammer-Studios, die in den 50er- und 60er-Jahren mit Filmen wie „Frankensteins Fluch“, „Dracula“ oder „Der Hund von Baskerville“ Klassiker des europäischen Horrorfilms schufen. Diese Filme sorgten allein mit ihren gezielten Schockmomenten, einer düsteren Bildsprache sowie schaurigen Kulissen und Schauplätzen für ungemein wirkungsvollen Horror und extreme Spannung – und das ganz ohne CGI-Monster, aufwendige Spezialeffekte oder Splatter-Exzesse.

In der Tradition dieser Klassiker steht auch die aktuelle Verfilmung von „Die Frau in Schwarz“. Hinsichtlich seiner Optik und Inszenierung versteht sich der Film als Hommage an die klassische Horrorfilm-Ära und beweist, dass man auch im Jahr 2012 mit reduzierten filmischen Mitteln und altmodischem Grusel jenseits von ausufernden Computereffekten und millionenschweren Budgets für Gänsehaut sorgen kann. Regie führte James Watkins, der mit seinem harten Survival-Drama „Eden Lake“ 2008 erstmals für Aufsehen sorgte. Mit „Die Frau in Schwarz“ beweist Watkins sein Händchen für stimmige Bildkompositionen und altbewährtes Gruselkino. Und ganz nebenbei beweist Daniel Radcliffe in seinem ersten Film nach Harry Potter, dass er auch jenseits von Hogwarts und Lord Voldemort zu überzeugenden schauspielerischen Leistungen im Stande ist.

England, zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Der junge Anwalt Arthur Kipps (Daniel Radcliffe) reist in das entlegene Dorf Crythin Gifford, um den Nachlass der verstorbenen Alice Drablow zu regeln. Doch Kipps erfreut sich unter den Bewohnern nicht gerade großer Beliebtheit. Schon kurz nach seiner Ankunft drängen sie ihn zur zügigen Abreise. Doch in dem alten Herrenhaus befinden sich noch die dringend benötigten Erbschaftspapiere. Und so lässt es sich Kipps nicht nehmen, selbst das Haus und die Unterlagen nach wichtigen Informationen zu durchsuchen. Bald häufen sich jedoch die schaurigen Ereignisse: Eine Serie mysteriöser Kindstode sorgt für Angst und Schrecken im Dorf und die Bewohner machen Kipps dafür verantwortlich. Während er versucht, hinter das Geheimnis der Todesfälle zu kommen, kommt es auf dem verlassenen Anwesen der verstorbenen Drablow zu einem weiteren unheimlichen Vorfall: Dem Anwalt zeigt sich immer häufiger eine geheimnisvolle Frau in Schwarz, vor der es nun kein Entkommen mehr zu geben scheint.

Die Türen knarzen, ein Schaukelstuhl bewegt sich von allein, Schatten schweben durch die Gänge: „Die Frau in Schwarz“ atmet zu jeder Sekunde die Luft seiner klassischen Horror-Vorbilder aus der goldenen Ära der Hammer-Studios. Er ist ein Geisterfilm der alten Schule und bewirkt mit klassischen, im Horror-Genre fast in Vergessenheit geratenen Stilmitteln, beim Zuschauer ein beständig bedrohliches Gefühl der Angst. Die abgelegene Insel, auf dem sich das Anwesen befindet, und das triste Dorf sind „very british“ inszeniert: düster-verregnet mit sich ausbreitenden Nebelschwaden. Und das verlassene Haus der verstorbenen Alice Drablow kommt als modriges, bedrückend-finsteres Anwesen daher. Dazu kommt eine verschwiegene Dorfgemeinschaft, die sich jeglicher Zusammenarbeit mit dem jungen Anwalt verweigert und den Fremden am liebsten schnell wieder loswerden möchte. Regisseur Watkins bedient zwar das ein oder andere Mal ein altbekanntes Horrorfilm-Klischee, doch aufgrund der äußerst gelungenen Bildsprache und des wirkungsvollen Einsatzes von Musik und Klangeffekten, ist dies zu verschmerzen. Der Film bezieht einen Großteil seiner Spannung und bedrückenden Atmosphäre aus seinen (lauten und wirkungsvollen) Soundeffekten: vom Wind, der um das Grundstück pfeift über das Ticken und Klacken der unzähligen Spieluhren bis hin zum knarzenden Gebälk. Und schließlich das schrecklich-schrille Schreien der „Frau in Schwarz“ und (als einer der besten Klangeffekte des Films) der sich lautstark auf und ab bewegende Schaukelstuhl, der sich wie von Geisterhand bewegt. Für die Kinoveröffentlichung in Großbritannien mussten sogar einige Soundeffekte in der Lautstärke reduziert werden. Und unter all das legt sich der atmosphärische, beklemmende aber angenehm dezent gehaltene Soundtrack des Komponisten Marco Beltarmi, ein Spezialist in Sachen Horrorfilm-Musik („Scream“, „Red Eye“, „The Thing“ u.a.).

Regisseur Watkins hat zudem zwei Asse im Ärmel, die er gekonnt einsetzt und inszeniert: seinen Hauptdarsteller Daniel Radcliffe und – der eigentliche Star des Films – das Anwesen der verstorbenen Frau. Der Großteil des Films spielt sich in dem finsteren und (im wahrsten Sinne des Wortes) gespenstischen Gebäude ab und bringt die beiden wichtigsten Protagonisten (Radcliffe und das Haus) zusammen. Das Haus, mit seiner morbiden, dämmrigen Beleuchtung und den vielen unheimlichen Details (das Spielzeug, der Schaukelstuhl etc.), stellt die große Bedrohung dar. In ihm manifestieren sich der gesamte Schrecken und die Angst der Dorfgemeinschaft. Daniel Radcliffe nimmt man die Rolle des jung verwitweten, alleinerziehenden Vaters überraschend schnell ab. Er spielt die innerlich zerrissene Hauptfigur glaubwürdig, mit seiner Trauer um die verstorbene Frau und dem Kampf gegen seine inneren Dämonen. Der Film hält sich nicht lange mit Nebensächlichkeiten auf und kommt mit seinem hohen Erzähltempo schnell zur Sache, was der Spannung sichtlich gut tut. Ein wenig schade ist es dennoch, dass sich schon recht schnell abzeichnet, um wen es sich bei der „Frau in Schwarz“ handelt und was hinter den mysteriösen Todesfällen steckt. Dennoch: Die positiven Aspekte überwiegen hier deutlich, und der unerwartete Schluss des Films ist melancholisches Happy End und tragisches Finale zugleich.

Fazit: Die „Frau in Schwarz“ sorgt mit simplen, aber gezielten Effekten und schaurigen Schockmomenten klassischer Art ganz ohne Computereffekte für gruselige Atmosphäre und Spannung. Kulissen, Musik und Kamera sind stimmig und Daniel „Harry Potter“ Radcliffe überzeugt als innerlich zerrissene Hauptfigur auf der Suche nach der Wahrheit.

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.


Darsteller:

  • Emma Shorey
  • Harmon Molly
  • Sophie Stuckey
  • Daniel Radcliffe
  • Misha Handley
  • Jessica Raine
  • Roger Allam
  • Lucy May Barker
  • Indira Ainger
  • Andy Robb
  • Ciarán Hinds
  • Sha

Regie:
James Watkins

Erscheinungsjahr:
2012


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3 Comments so far »

  1.  

    Gold Marie said

    April 18 2012 @ 12:55

    Also hab den Film gestern gesehen und muss sagen: sehr sehr cool. Stylische Bilder, echt gruselige “Erschreck-Szenen” und ein echt überzeugener Daniel Radcliffe. Hätte ich nicht gedacht!

  2.  

    Jonas said

    April 24 2012 @ 16:03

    Ein gelungener Film, in dem Daniel Radcliffe nach Harry Potter zum ersten Mal auf der Leinwand zu sehen ist und mich wirklich überzeugt hat. Man merkt, dass er sich von seiner Rolle als Harry Potter lösen möchte und das hat er hier eindeutig geschafft. Sehr zu empfehlen, aber meiner Meinung nach mit einer zu niedrigen Altersbegrenzung.

  3.  

    Thomas said

    August 14 2012 @ 12:31

    Auch ich muss sagen das “Frau in Schwarz” ein wirklich toller Film ist. Ein Horrorfilm der alten Schule, der ohne große Spezialeffekte auskommt und dadurch subtile Spannung aufbaut. Erinnert ein bisschen an “The Others” von der Machart her.
    Daniel Radcliffe nimmt man seinen Imagewandel durchaus ab. Er hat das richtige Gesicht für die Zeit in der der Film spielt.
    Vielleicht werde ich mir das Buch von Susan Harris zulegen.

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