Der weiße Hai

Der weiße Hai FilmkritikTierhorror zählt zu den beliebtesten Subgenres des Horrors und hat 2 Klassiker hervorgebracht: Neben Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ ist das natürlich Steven Spielbergs erster Blockbuster „Der weiße Hai“. Millionen Strandbesucher suchen seither das Meer misstrauisch nach verdächtigen Rückenflossen ab. Doch sorgt der übergroße Fisch mit dem unstillbaren Hunger auch nach weit über vier Jahrzehnten noch für Gänsehaut oder hat er jeglichen Biss verloren?
Damit ihr ob dieser Frage nicht ins Schwimmen geratet, sei nachfolgende Lektüre angeraten.

Amity Horror
In der idyllischen, am Meer gelegenen US-Kleinstadt Amity („Freundschaft“) ist die gesamte Wirtschaft auf den Sommertourismus ausgelegt. Kein Wunder, dass es für Unruhe sorgt, als die offensichtlich von einem Hai verstümmelte Leiche einer jungen Frau angeschwemmt wird. Polizeichef Brody (Roy Scheider), der zuvor in der Großstadt seinen Dienst versehen hat, sieht sich plötzlich mit einem unerwarteten Problem konfrontiert, das eskaliert: Weitere Badeurlauber werden Opfer von Haiangriffen, da sich Bürgermeister Vaughn (Murray Hamilton) weigert, die Strände sperren zu lassen.

Erst nach dem Tod eines kleinen Jungen kehrt die späte Einsicht ein, die Strände werden geschlossen und der exzentrische Haijäger Quint (Robert Shaw) wird engagiert, jenen Raubfisch, der offenbar Geschmack am Menschenfleisch gefunden und die Küstenlinien rund um Amity zu seinem Jagdrevier erklärt, aufzuspüren und zu erlegen. Brody und der besserwisserische Meeresbiologe Hooper (Richard Dreyfuss) unterstützen Quint bei seiner Aufgabe – nicht ahnend, wie heimtückisch und listig die Meeresbestie agiert …

B-Movie mit A-Movie-Anstrich
Streng betrachtet ist „Jaws“, wie „Der weiße Hai“ im Original betitelt wurde, nicht nur klassischer Tierhorror, sondern auch ein B-Movie: Ein Menschen attackierendes Monster treibt sein Unwesen und muss von einem oder mehreren Helden vernichtet werden. Formal betrachtet folgte Spielberg dabei der Diktion ähnlicher Filme, konnte aber sowohl auf ein damals üppiges Budget, wie auch mehrere Glückgriffe zurückgreifen. Neben dem legendären Soundtrack John Williams’ besetzte der Regiestar die Hauptrollen geradezu ideal: Roy Scheider verkörpert den beherzten Durchschnittsbürger Brody, der über sich hinauswächst und sogar seine panische Angst vor dem Meer unterdrückt, nur um der Bestie Herr werden zu können.
Richard Dreyfuss, der bereits 2 Jahre später in „Unheimliche Begegnung der 3. Art“ erneut vor Spielbergs Kameras agieren sollte, weiß als leicht überheblicher Meeresbiologe zu überzeugen.
Eigentlicher Star des Filmes ist aber der Brite Robert Shaw, dem die Rolle des bärbeißigen, wie auch charmanten Lebemanns Quint wie auf den Leib geschneidert war. Betrachtet man seine phantastische Performance aus der gegenwärtigen Perspektive stellt man sich die Frage, wer eine solche Figur heute noch dermaßen überragend zum Besten geben könnte in einem dem Jugendwahn verfallenen Hollywood. Die Antwort wird uns – man verzeihe mir die kurze Abschweifung – wohl das unvermeidliche Remake dieses Klassikers geben.
Übrigens stand Shaw 2 Jahre später wiederum für ein Meeresabenteuer vor der Kamera, und zwar für Peter Yates zu Recht vergessene Seegurke „Die Tiefe“.

Thematisch teilt sich der zwei Stunden lange Film in zwei Hälften: Zunächst wird der Horror vermittelt, den das Treiben des Haies an Land verursacht. Sämtliche Versuche, der Gefahr durch Küstenpatrouillen oder Hubschrauber Herr zu werden, scheitern kläglich. Erst, als sich das Trio der Helden ins Element des Untiers und somit quasi auf Augenhöhe mit ihm begibt, kann es bekämpft werden. Diese gewissermaßen „zweite Hälfte“ spielt auf dem offenen Meer und schildert den Kampf der 3 Menschen gegen den Hai.

Dabei treten Quints Ähnlichkeiten zu Kapitän Ahab aus „Moby Dick“ zutage: Gleich diesem ist auch er ein Besessener, der mit einem Meerestier eine offene Rechnung zu begleichen hat. Zwar ist Ahabs Wunde – ein verlorenes Bein – augenscheinlicher, doch wer Quints Erzählung als Überlebender der Ereignisse nach dem Untergang der USS Indianapolis im 2. Weltkrieg gehört hat, weiß, dass auch dessen Wunde tief reicht.
Apropos: So unglaublich sie klingen mögen, sind die Schilderungen im Kern durchaus wahr. Tatsächlich war die USS Indianapolis gegen Ende des Pazifikkrieges von einem japanischen U-Boot versenkt worden. Von 1.200 Mann Besatzung überlebten auf Grund der viel zu späten Rettung nur wenige Hundert. Allerdings ist bis heute umstritten, welche Rolle die Haiangriffe bei der Anzahl der Toten spielten.

Was man nicht sieht, flößt mehr Angst ein
Das rund acht Meter lange Hai-Modell ist während des gesamten Filmes nur selten zu sehen. Vor allem anfangs sind nur die charakteristische Rückenflosse und ein dunkler Schemen zu erkennen. Die berühmte Angriffsszene zu Beginn des Filmes wurde größtenteils aus der Hai-Perspektive gefilmt, was sich als ungemein effektiv erwies und eine bis heute beliebte Technik darstellt, der sich vor allem billige Monsterfilme gerne bedienen, um den Angreifer selbst möglichst wenig ins Bild zu rücken.

Spielbergs verhaltener Einsatz des Hai-Modells war berechtigt, denn wenngleich „Der weiße Hai“ ein Meisterwerk des gesamten Genres darstellt, ist ausgerechnet das Untier selbst der einzige Schwachpunkt des Streifens. In den wenigen Großaufnahmen ist das Modell sehr deutlich als solches zu erkennen und verfehlt somit seine beabsichtigte Wirkung. Paradoxerweise bestätigt sich wieder einmal eine ungeschriebene Filmregel: Das Unsichtbare flößt mehr Angst ein, als das Sichtbare.

Mythengestalt?
Inspiriert wurde die literarische Vorlage Peter Benchleys durch eine Reihe von Haiangriffen 1916 an der Küste New Jerseys, bei der insgesamt 4 Menschen von den Tieren getötet wurden. Allerdings ist bis heute umstritten, ob auch nur ein einziger Weißer Hai an den Angriffen beteiligt war. Nichtsdestotrotz wurde der „Große Weiße“ zum Symbol eines realen Meeresungeheuers, wiewohl sich Haie ungleich mehr vor Menschen fürchten mussten und müssen, als es umgekehrt der Fall ist.
Die Behauptung, im Zuge des Filmes sei eine Jagd auf Haie losgetreten worden, die manche Haiarten an den Rand des Aussterbens gedrängt hätten, ist jedoch eher ein Medien-Mythos: Schon lange zuvor waren Haie gezielt Opfer von menschlichen Nachstellungen geworden.

Die im Film präsentierte, gewaltige Größe des Haies von rund 8 Metern ist jedoch nicht übertrieben. Selbst dies wirkt eher mickrig verglichen zur mehr als doppelten Länge, die der ausgestorbene Megalodon, ein gigantischer Weißer Hai, erreichte. Manche Kryptozoologen glauben indes, der Megalodon hätte sich nicht aus der Evolutionskette verabschiedet, sondern lediglich in die Untiefen der Ozeane zurückgezogen …

Zeitloser Horror
Eingedenk der aus heutiger Sicht technischen Mängel des Hai-Modells ist „Der weiße Hai“ ein echter Evergreen. Dies liegt sowohl an der perfekten Regie Steven Spielbergs, als auch an den wunderbar herausgearbeiteten Charakteren und dem simplen, aber effektiven Plot. Moden mögen sich ändern, doch die Verlockungen, an einem warmen Sonnentag ins Meer Planschen zu gehen, die bleiben. Und ebenso die unterbewusste Angst vor dem, was wenige Meter unter oder neben einem nur auf den richtigen Moment zum Zuschlagen lauern mag.

Deshalb setzt der Film, anders als viele Genrekollegen, keine Patina an und dürften noch in vielen Jahren zu einem gern gesehenen Klassiker gezählt werden. Denn die Angst vor einem Haiangriff schwingt wohl bei jedem Meeresurlaub mit.
Zumindest, solange es den realen Weißen Hai noch geben mag.


Darsteller
Roy Scheider … Martin Brody
Robert Shaw … Quint
Richard Dreyfuss … Matt Hooper
Lorraine Gary … Ellen Brody
Murray Hamilton … Bürgermeister Vaughn

Regie
Steven Spielberg

Produktionsland, Jahr
USA, 1975


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