Der seidene Faden Kritik

Der seidene Faden Kritik

London zu Beginn der 50er-Jahre: Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) ist der bekannteste Schneider der Stadt. Gemeinsam mit seiner Schwester Cyril (Lesley Manville) betreibt er das Edel-Label „The House of Woodcock“ und entwirft teure und prunkvolle Mode für die bessere Londoner Gesellschaft sowie die Royal Family. Woodcock ist überzeugter Junggeselle und hat viele Affären, die ihm zur Kreativitätssteigerung und Inspiration dienen. Eine feste Beziehung kam für den Stardesigner bisher nicht in Frage, dafür ist er viel zu sehr Kontrollfreak und Herr über seine Gefühle. Eines Tages lernt er die selbstsichere Kellnerin Alma Elson (Vicky Krieps) kennen. Beide fühlen sich sofort zueinander hingezogen und es dauert nicht lange, bis die Zwei eine Beziehung eingehen. Am Anfang läuft noch alles wunderbar, doch allmählich gerät das sonst so streng durchgeplante Leben von Woodcock ins Wanken.

Nach fast vierjähriger Leinwandabstinenz kehrt Regisseur und Drehbuchautor Paul Thomas Anderson ins Kino zurück. Sein letzter Film war die Kriminalkomödie „Inherent Vice“ mit Joaquin Phoenix. Seinen Durchbruch erlebte Anderson Ende der 90er-Jahre mit dem Porno-Drama „Boogie Nights“. Mit Day-Lewis drehte er vor zehn Jahren bereits das Oscar-prämierte Drama „There will be blood“. „Der seidene Faden“ entstand für rund 35 Millionen US-Dollar an Schauplätzen im englischen Lythe, in London sowie der Schweiz. Daniel Day-Lewis entschied sich während der Dreharbeiten, seine Karriere als Darsteller zu beenden. „Der seidene Faden“ ist sein letzter Film.


Mit „Der seidene Faden“ beendet der begnadete Charaktermime Daniel Day-Lewis seine große Karriere mit einem großen Film. Dies liegt neben den herausragenden Darsteller-Leistungen vor allem am Inszenierungs-Stil von Anderson, der sein Werk zwischen edlem Ausstattungskino, emotionaler Romanze und spannendem Thriller (im letzten Drittel) ansiedelt. Anderson, der auch das Drehbuch verfasste und die Kamera bediente, entschloss sich dazu, seinen Protagonisten ganz nah zu kommen. Und zwar in technischer Hinsicht.

Die Tatsache, dass die Kamera immer dicht an den Figuren dran ist, ihnen über die Schulter schaut oder die Gesichter in Nahaufnahme einfängt, lässt eine beklemmende, ja fast bedrückende Enge entstehen. Dringliche Szenen, in denen z.B. das konzentrierte Gesicht von Woodcock beim Nähen in Großaufnahme gezeigt wird, verleihen dem Film etwas Kammerspiel-artiges. Hinzu kommt, dass tatsächlich ein Großteil der Sequenzen in kleinen, engen Räumen angesiedelt ist. Nur ganz selten verlässt Anderson die Räume und gewährt seinen Charakteren – und damit auch dem Zuschauer – letztlich nur sporadisch Platz und Luft zum Atmen.

In jeder Hinsicht perfektionistisch ist nicht nur Hauptfigur Woodcock sondern auch Regisseur Anderson. Denn er wählt jede Einstellung seines Films akkurat. Außerdem sind alle Details in jedem noch so unbedeutend wirkenden Hintergrund und Szenenbild geradezu perfekt angeordnet. Nichts bleibt dem Zufall überlassen. Hier beweist Anderson, der von einem Filmmagazin schon 2007 zu einem der besten 20 Regisseure aller Zeiten gewählt wurde, sein Talent für optisch bestechendes, formvollendetes Ausstattungskino: die von Woodcock geschneiderte „Haute Couture“-Mode ist prunkvoll und hoch ästhetisch. Die Kulissen und Settings atmen den Geist der feinen Gesellschaft der 50er-Jahre, z.B. wenn sich Woodcock auf dekadenten Partys der Filmstars und in den Privatgemächern seiner anderen wohlhabenden Kunden befindet. Dies alles kleidet Anderson in gestochen scharfe Bilder von hoher Plastizität.

Und dann wären da noch die famosen Darsteller, die sich ein Schauspiel-Duell auf Augenhöhe liefern. Day-Lewis als cholerischer Kontrollfreak, den schon das Schmatzen seiner neuen Partnerin am Esstisch aus der Fassung bringt, ist natürlich eine Idealbesetzung. Als charismatischer aber emotional distanzierter, neurotischer Modeschöpfer krönt er seine Filmkarriere mit einer letzten Glanzleistung. Wie perfektionistisch er ist, zeigt sich im Film an Kleinigkeiten: etwa an der Art und Weise, wie behutsam er seine Haare kämmt oder wie aufmerksam er sich dem An- bzw. Hochziehen seiner Socken widmet. Alles ist genau aufeinander abgestimmt, sein makelloses und lupenreines optisches Erscheinungsbild entspricht seinem Streben nach Vollendung.

Day-Lewis in nichts nach steht Vicky Krieps als Woodcocks junge Geliebte, die das Leben des selbstverliebten, genialischen Modeschöpfers gehörig auf den Kopf stellt. Sie entwickelt sich von Woodcocks Muse und Quell der Inspiration nach und nach zu einer Gefahr für dessen exakt durchorganisiertes Leben. Besonders spannend mit anzusehen ist das impulsive Spiel um Macht, Kontrolle und Abhängigkeit, das allmählich zwischen Woodcock und Elson entfacht wird. Diese Auseinandersetzung bringt eine psychologische und letztlich tragische Komponente mit in den Film, die aus der visuell betörenden, sinnlichen Romanze in den letzten 30 Minuten gar einen aufregenden Thriller in Hitchcock-Manier macht.

Fazit: Visuell umwerfende, nachdrückliche Künstler-Romanze mit kraftvoll agierenden Darstellern und fein ausbalancierten Spannungsmomenten.

Bewertung 10/10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.


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