Der letzte Exorzismus Filmkritik

Seit William Friedkins Welterfolg „Der Exorzist“ zählt das Motiv angeblich oder tatsächlich von Dämonen Besessener zu den populärsten Subgenres des Horrorfilms. Auch wenn kein anderer Streifen mehr an den Erfolg des „Exorzisten“ anknüpfen konnte: Gewinn warfen und werfen fast alle einschlägigen Werke ab. Insbesondere deshalb, weil die Produktionskosten angenehm niedrig bleiben. Weder überragende Special Effects, noch Autoverfolgungsjagden oder aufwändige Kulissen werden für die Inszenierung benötigt.

Kein Wunder also, dass 2010 eine weitere Teufelsaustreibung das Licht der Leinwand erblickte. Unter den Fittichen von Horrorexperte Eli Roth („Hostel“, „Cabin Fever“) durfte der Hamburger Daniel Stamm Hollywoodluft schnuppern und lieferte einen der profitabelsten Streifen des Jahres ab. Bei Produktionskosten von rund 2 Millionen Dollar spielte „Der letzte Exorzismus” alleine in den USA das Zwanzigfache ein. Allerdings sollte es kein gewöhnlicher Exorzismus-Film werden, sondern im schicken, pseudo-dokumentarischen Stil produziert sein. Ob „Der letzte Exorzismus” trotz Einsatzes der von manchen geliebten, von anderen hingegen gefürchteten Wackelkamera himmlische Vergnügen oder höllische Qualen verursacht, wird nachfolgend erörtert.

Cotton-Eyed Marcus bei den Rednecks
Pastor Cotton Marcus (Patrick Fabian) war ein begnadetes Sprachrohr Gottes, begeisterte die Kirchengemeinde und führte diverse Exorzismen durch. Doch mittlerweile hat er sich aus dem Geschäft zurückgezogen, da er zum einen nicht mehr genug Glauben findet und sich zum anderen von den Praktiken des Exorzismus abgestoßen fühlt. Insbesondere, seit bei einer Dämonenaustreibung ein Junge starb. Auch wenn dies nicht seine Schuld war: Der Gedanke, an einem dermaßen gefährlichen Glaubensspiel beteiligt zu sein, hat ihn dazu gebracht, seine gesamte Karriere hinzuschmeißen und sich der Aufklärung wider Exorzismus und religiöse Eiferer zu widmen.

Gemeinsam mit der Filmemacherin Iris Reisen (Iris Bahr) möchte Cotton einen Dokumentarfilm drehen, der die dunklen Seiten der Religion zeigen und natürlich den Exorzismus nicht aussparen soll. Da kommt ihm der Brief des Farmers Louis Sweetzer (Louis Herthum) gerade recht. Sweetzer bittet ihn um Hilfe – seine Tochter Nell (Ashley Bell) sei von Dämonen besessen und jede Nacht werde seine Viehherde um jeweils ein Stück dezimiert, was natürlich auch nicht mit rechten Dingen zugehen könne.

Cotton, Iris und ein Kameramann machen sich auf die lange Reise in den Süden der USA, wo sie nur mit viel Mühe die abgelegene Farm finden. Bereits nach kurzer Inspektion scheint für den Pastor eines klar: Nell leidet unter dem Tod ihrer Mutter vor zwei Jahren, den sie noch immer nicht verwunden hat. Die angeblich in ihr hausenden Dämonen sind demnach Schuldgefühle. Cotton nimmt einen allerletzten Exorzismus vor, der die 16-jährige „heilen“ soll. Doch bereits in der kommenden Nacht mehren sich die Zweifel von Cotton, ob es damit getan ist. Als er von Nells Schwangerschaft erfährt, glaubt er zu ahnen, was auf Sweetzers Farm vor sich geht. Die ganze Wahrheit ist indes weitaus erschreckender und verheerender …

Sympathy for the Devil?
„Der letzte Exorzismus” stieß nicht auf ungeteilte Begeisterung seitens der Zuschauer. Angesichts der Thematik und der Trailer hatten sich viele einen zünftigen Splatterstreifen oder zumindest gediegenen Horrorfilm erwartet. Tatsächlich aber zog Regisseur Daniel Stamm nur wenige Register der Gruselorgel und setzte sich vielmehr mit der Frage auseinander, ob das Böse eine von uns getrennte Entität ist oder nicht doch in uns allen haust. Entsprechend dialoglastig geht es in seinem Hollywooddebüt zur Sache: Von Beginn weg wird viel gesprochen oder erklärt während die Bilder fast schon zum Hintergrund degradiert werden. Bis zum Ende der ersten Hälfte setzt sich die Handlung aus Cottons Insider-Informationen zum Glauben und dem Auffinden von Sweetzers Farm zusammen.

Der titelgebende „letzte“ Exorzismus dürfte denn auch für Enttäuschungen bei vielen Zuschauern gesorgt haben. Nell verdreht weder ihren eigenen, noch fremde Köpfe, flucht nicht hemmungslos und behält ihre Erbsensuppe manierlich bei sich, statt sie dem Geistlichen ins Gesicht zu spucken. Während die angeblich Besessene an ihre „Krankheit“ glaubt, arbeitet Pastor Cotton mit Tricks, wie „dämonischen Stimmen“ auf einem versteckten MP3-Player, um das Entweichen Satans dramatisch auszubreiten.

Natürlich endet der Film nicht mit dem letzten Exorzismus, sondern nimmt schon rasch eine Wende. Denn mit Nell stimmt ganz offensichtlich etwas nicht. Nicht nur, dass Darstellerin Ashley Bell augenscheinlich keine 16 mehr ist; zudem wirft ihre Schwangerschaft völlig neues Licht auf die Sache. Wurde sie ein Inzestopfer, wie es die Filmemacherin vermutet? Oder steckt vielleicht doch etwas ganz anderes dahinter?

Zu viel auf zu wenig Platz hineingepackt
Leicht macht es einem „Der letzte Exorzismus” nicht. Lange, sehr lange muss sich der Zuschauer gedulden, bis die eigentliche Handlung auf der mysteriösen Farm in Schwung kommt. Danach steigen sich die Geschehnisse fast schon gegenseitig auf die Zehen, dermaßen übereilt wird manches gezeigt – oder vielmehr nur ausschnittsweise gezeigt. Schließlich handelt es sich um einen „Dokumentarfilm“, was ein Fall für die Wackelkamera ist. Ein Gimmick, das seit Jahren kalter Kaffe ist, aber sei’s drum. Selbst dann, wenn der Kameramann den Eindruck erweckt, seinen ersten Tag in einem für ihn völlig neuen Beruf angetreten zu haben. Kaum eine Einstellung, die nicht für Schwindelzustände sorgt.

Das eigentliche Problem des mit sehr guten Schauspielern besetzten Horrorfilms ist neben der nicht erfüllten Erwartung vor allem die wieder einmal sehr klischeehafte Charakterisierung. Menschen aus dem Süden der USA werden erneut als hinterwäldlerische Idioten mit religiösen Wahnvorstellungen porträtiert, die Gewalt gewissermaßen im Blut haben und ohne mit der Wimper zu zucken Leute erschießen würden. Mitleid oder Verständnis für diese grenzdebilen Gestalten kommt nicht auf. Auch dann nicht, wenn die liebenswerte Lady aus der großen und aufgeklärten Stadt der Landpomeranze ihre abgetragenen Schuhe schenkt, was diese mit einer Freude erfüllt, als wäre ihr ein sprechendes Pony begegnet.

Die gewiss edlen Absichten von Produzent Eli Roth und Regisseur Stamm in Ehren: Mussten sie dermaßen tief in der Klischeekiste wühlen?
Apropos: Der fast schon parodistische Schluss setzt dem wenig überzeugenden Spektakel die Krone auf. Weit über eine Stunde lang bemüht sich der Film um die Schaffung einer halbwegs realistisch wirkenden Atmosphäre, nur, um die restlichen fünf Minuten in konventionellen Hollywood-Irrsinn zu verfallen.

Jammerschade um den durchaus brauchbaren Plot und die erzeugte, unheimliche Atmosphäre. Wollte man mit dem Schluss auf Nummer sicher gehen? Oder die Möglichkeit einer Fortsetzung schaffen?

Fazit: „Der letzte Exorzismus” versprach mehr, als er halten konnte. Ein anfangs interessantes Drehbuch, mit Ausnahme von Nell glaubwürdig besetzte Schauspieler und die unaufdringliche Inszenierung hätten Raum genug für einen spannenden, gleichwohl provokanten Genrebeitrag gelassen. In dieser Form entpuppt sich das Ergebnis aber als mit Lauflänge zunehmend zahmer werdendes Werk, das sich mit Riesenschritten einem unsinnigen und albernen Showdown nähert.


Darsteller

  • Patrick Fabian … Cotton Marcus
  • Ashley Bell … Nell Sweetzer
  • Iris Bahr … Iris Reisen
  • Louis Herthum … Louis Sweetzer
  • Celeb Landry Jones … Caleb Sweetzer
  • Tony Bentley … Pastor Manley
  • John Wright Jr. … John Marcus
  • Shanna Forrestall … Shanna Marcus
  • Justin Shafer … Justin Marcus
  • Carol Sutton … Geschäftsbesitzer
  • Victoria Patenaude … Autofahrerin
  • John Wilmot … Dünner Mann
  • Becky Fly … Becky Davis
  • Denise Lee … Krankenschwester
  • Logan Craig Reid … Logan Winters
  • Sofia Hujabre … Manager der Cafeteria
  • Adam Grimes … Daniel Moskowitz

Regie
Daniel Stamm

Produktionsland, Jahr
USA, 2010

Der letzte Exorzismus Trailer


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1 Kommentar so far »

  1.  

    Rene said

    November 11 2010 @ 22:37

    wow, sehr gute Kritik, da macht sogar das Lesen eines solchen Artikels sehr viel freude… weiter so, wird nicht mein letzter Besuch sein!

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