Der Himmel wird warten Kritik

Sylvie (Clotilde Courau) und ihre Tochter Mélanie (Naomi Amarger) sind wie beste Freundinnen, die über alles miteinander reden können. Bis sich Mélanie mehr und mehr aus der realen Welt zurückzieht. Der Grund: sie hat im Internet einen Mann kennengelernt, der sie mit Komplimenten umwirbt und mit ihr in einer Weise über den Islam spricht, die auf den Teenager einen erheblichen Einfluss hat. Zu spät merkt sie, dass der Mann ein fundamentalistischer IS-Extremist ist. Im Laufe der Zeit entwickelt sie sich zu einer radikalen Islamistin, die sich den hasserfüllten Gotteskriegern anschließt. Ähnliches mussten auch Catherine (Sandrine Bonnaire) und Samir (Zinedine Soualem) mit ihrer Tochter Sonia (Noémie Merlant) durchmachen. Als die Polizei eines Nachts in ihr Haus eindringt, ist es fast zu spät. Auch sie bekamen nicht mit, dass Sonia immer mehr mit den Terroristen sympathisierte.

„Der Himmel wird warten“ ist der neue Film der französischen Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar, die zu den gefragtesten Filmemacherinnen ihrer Heimat zählt. Wie viel Herzblut sie in den Film steckte erkennt man u.a. daran, dass sie auch das Drehbuch schrieb und das Werk produzierte. Mit den beiden Hauptdarstellerinnen, Naomi Amarger und Noémi Merlant, arbeitete Mention-Schaar schon bei ihrem Erfolgsfilm „Die Schüler der Madame Anne“ (2015) zusammen. Mention-Schaar ist so produktiv wie nur wenige andere Filmemacher. So realisierte sie in den letzten fünf Jahren vier abendfüllende Kinofilme. „Der Himmel wird warten“ erlebte seine Premiere auf dem internationalen Filmfest in Toronto 2016.


Nur wenige Stunden nach den Terroranschlägen von Paris im November 2015, begannen die Dreharbeiten für dieses feinfühlig inszenierte, beachtliche Drama. Mention-Schaar ließ sich bei der Zeichnung ihrer beiden Teenager-Hauptfiguren, von realen (Radikalisierungs-) Biografien und Hintergründen beeinflussen. „Der Himmel wird warten“ macht u.a. deutlich, wie geschickt und klug der IS seine Anhänger und Gotteskrieger rekrutiert – und welcher Mechanismen er sich dafür bedient. So nutzt er z.B. stets die neuesten, gerade auch bei Jugendlichen beliebte Technologien und soziale Medien, um Mitglieder anzuwerben. Genauso wie im Fall von Mélanie.

Diese lernt online einen Mann kennen, in den sie sich im Laufe der Zeit verliebt. Denn obwohl sie sehr aufgeweckt und an der Welt interessiert ist, handelt es sich bei Mélanie aber eben doch auch um einen pubertierenden weiblichen Teenager – mit hoher Anfälligkeit für die Liebesbekundungen eines Jungen, der ihr wieder und wieder weiß macht, dass sie die einzige für ihn sei („Du bist anders als die anderen“). Das Problem: bei dem Jungen handelt es sich um einen radikalen Islamisten, der Mélanie das realitätsferne, extremistische Gedankengut des IS einpflanzen soll. Mit Erfolg.

Es dauert nicht lange und Mélanie begeistert sich immer mehr für den heiligen Krieg gegen alle „Ungläubigen“. Sie schaut Videos über 9/11-Verschwörungstheorien an, verbringt ihre Zeit fast nur noch im virtuellen Raum und verliert so langsam aber sicher die Kontrolle über ihr Gefühlsleben und ihre (eigentlichen) Überzeugungen. In Sachen Intensität und Spannung, fällt der zweite Handlungsstrang um Sonia leicht ab. Sonia hofft durch ihre Teilnahme am Dschihad letztlich darauf, dass ihre Familie Erlösung erfährt und später einmal Einlass ins Paradies findet. Dennoch macht vor allem Sonias Geschichte letztlich auch die Ohnmacht und die Folgen für die Angehörigen klar, wenn sich herausstellt, dass sich die eigene Tochter als IS-Märtyrerin in die Luft sprengen wollte.

Ohne anzuklagen oder eindeutige Schuldzuweisungen – z.B. den Eltern gegenüber, die das allmähliche Abgleiten der Töchter zu spät bemerkten – zeigt Regisseurin Mention-Schaar mit ihrem Werk letztlich noch einen weiteren Aspekt auf nachhaltige Weise auf: welch tragische, schwerwiegende Konsequenzen es nach sich zieht, wenn das Gefühlschaos leicht beeinflussbarer Jugendlicher, die auf der Suche nach Halt und der eigenen Identität sind, auf radikales Gedankengut trifft. Gedankengut, dass den jungen Menschen auch noch auf äußerst intelligente Weise und mit Hilfe emotionaler Gewalt, ja fast Perversion, einverleibt wird.

Der Film lebt in erster Linie von den fesselnden, nachdrücklichen Leistungen der beiden jungen Hauptdarstellerinnen. Sie stellen die chaotischen Gefühlswelten und zerbrechlichen Persönlichkeiten ihrer Figuren ebenso glaubhaft und authentisch dar, wie ihre langsam aber unaufhaltsam von statten gehende Radikalisierung. Und damit den höchst komplexen Prozess der Rekrutierung inklusive aller Phasen und Entwicklungsstufen.

Fazit: Herausragend gespieltes, bewegendes Drama über die islamistische Radikalisierung von Jugendlichen und die Rekrutierungs-Maßnahmen der IS-Terroristen.

Bewertung: 4/5

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.


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1 Kommentar so far »

  1.  

    Jenni said

    April 26 2017 @ 08:52

    Noch nie von dem Film gehört. Klingt sehr interresant – und scheint ja (leider) aktueller den je

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