Delictum – Im Namen des Herren

No-DoJahrzehntelang waren Horrorfilme eine Domäne von Hollywood. Erfreulicherweise sorgen seit den 1990er Jahren vor allem Japan und Westeuropa für heftige Konkurrenz. Aus Spanien drängt nun ein neuer Gruselstreifen auf den Markt: „Delictum – Im Namen des Herren“ widmet sich dem Übersinnlichen und spart nicht mit Seitenhieben auf die katholische Kirche.
Mehr zum Film erfahrt ihr in nachfolgender Rezension, die unter dem Motto steht: „Filmewelt – Im Namen des Kritikers“.

Geistlicher auf Spur der Geister
In der Ehe von Francesca (Ana Torrent) und Pedro (Francisco Boira) kriselt es seit langem. Grund dafür ist Francescas psychische Labilität, die gerade nach der Geburt ihres gemeinsamen Babys Anlass zur Besorgnis gibt. Auf einem alten Anwesen, welches sich in Besitz der katholischen Kirche befindet, soll sie ihre innere Balance wiederfinden.

Doch des Nachts vernimmt sie bedrohliche Geräusche aus dem Kinderzimmer und ist um die Sicherheit des Nachwuchses besorgt. Selbst ein Babyphone vermag die psychisch angeschlagene Francesca nicht zu beruhigen. Nach einem Nervenzusammenbruch zieht Pedro die Konsequenzen und übergibt das Baby der Obhut seiner Eltern, bis seine Frau wieder bei Sinnen ist.

Francesca nützt die Zeit für Recherchen und gerät eher zufällig auf die Spur des als Psychiater ausgebildeten Jesuiten Miguel (Héctor Colomé), der ihre angeblichen Wahnvorstellungen ernst nimmt. Der pragmatische Pedro verbittet sich zunächst jegliche Einmischung des Geistlichen. Doch bald erkennt auch er, dass sich zwischen den Gemäuern des Anwesens ein fürchterliches Geheimnis verbirgt, das von der Kirche bewusst unter Verschluss gehalten wird.

Aus neu mach alt
Was sich schon mit „Pans Labyrinth“ oder dem 2007 erschienenen [Rec] abzeichnete, findet mit „Delictum – Im Namen des Herren“ seine logische Fortführung: Phantastische Streifen aus Spanien stellen kein cineastisches Kuriosum mehr dar, sondern wissen auch anspruchsvolle Filmfans zu überzeugen. „Delictum – Im Namen des Herren“ ist keine Ausnahme davon: Trotz des für Hollywood-Verhältnisse geringen Budgets muss der Zuschauer keine Abstriche in Punkto Spezialeffekte oder Ausstattung machen. Ganz im Gegenteil: Die optisch herausragenden Übergänge, die in der Gegenwart angesiedelte Ereignisse wie mit einer viele Jahrzehnte alten Filmkamera aufgenommen erscheinen lässt, erweisen sich als innovativ und originell.

Der Plot selbst bietet auf den ersten Blick keine Überraschungen: Geister, mysteriöse Erscheinungen, Verschwörungen innerhalb der Kirche. Doch Regisseur Elio Quiroga vermag aus dem altbacken scheinenden Konstrukt eine buchstäblich unheimlich spannende Geschichte zu weben, die eineinhalb Stunden lang fesselt. Dies ist umso bemerkenswerter, als die Handlungsstränge während des ersten Drittels der Laufzeit noch für etwas Verwirrung sorgen. Aber diese legt sich, sobald die Handlungsebenen ineinander zu fließen beginnen.

Propaganda und Mystizismus
Einige kulturell bedingte Verständnisprobleme erschweren dabei den Zugang für nicht spanische Zuseher. Insbesondere die Anspielungen auf die lange Herrschaft des Generals Francisco Franco (vor dessen Hintergrund auch “Pans Labyrinth” spielt) dürften vielen Rezipienten nicht geläufig sein. Auch mutet die nach wie vor starke Präsenz der katholischen Kirche in einem modernen Industriestaat gerade für mitteleuropäische Augen anachronistisch an, liefert jedoch einen realistischen und plausiblen Aufhänger für das verschwörerische Element innerhalb des Plots.

Der Originaltitel des Filmes lautet übrigens „No-Do“ und bezieht sich auf die so genannten „Noticiarios y Documentales“ (auf Deutsch: Nachrichten und Dokumentationen), eine Art „Wochenschau“, derer sich Francos Regime in propagandistischer Weise bediente. Diesen kurzen Beiträgen kommt in „Delictum – Im Namen des Herren“ hohe Bedeutung zu. Dabei erzeugen gerade diese nur scheinbar harmlosen Kurzfilme im Kontext der Handlung einen atmosphärisch ungemein dichten Sog des Unheimlichen.

Der eigentliche Clou des Filmes ist ein „Twist“, der natürlich nicht verraten werden soll und einige Kernaspekte des Katholizismus in verblüffend neuem Licht erscheinen lässt. Wer einen plumpen „Da Vinci Code“-Abklatsch befürchtet, kann beruhigt werden: „Delictum – Im Namen des Herren“ wandelt in dieser Hinsicht auf völlig neuen, nicht ausgelatschten Pfaden.

Kleinere Schwächen, die nicht ins Gewicht fallen
Lobend hervorheben muss man neben dem cleveren Drehbuch auch die Darsteller: Diese überzeugen vollends, vor allem durch ihre Natürlichkeit, und geben ihren Figuren Profil mit Ecken und Kanten.

Somit alles eitel Wonne?
Nein, denn „Delictum – Im Namen des Herren“ offenbart einige Schwächen. Zu nennen wären etwa die nicht restlos überzeugenden Charakterisierungen. Dadurch hinterlässt Francesca oftmals den Eindruck einer hysterischen, unsympathischen Zicke, während ihr Mann Pedro bisweilen zwischen Apathie und Übereifer schwankt.

Ein in den letzten Jahren viel zu häufig eingesetzter„Plottwist“ zur Mitte des Filmes wird so manchen Zuschauer aufstöhnen lassen und erweist sich als dramaturgisch deplatziert. Auch der in Relation zur ruhigen Machart des Filmes sehr dick aufgetragene Showdown ist ein paar Spuren zu überkandidelt und erweckt den Eindruck, als hätten die Produzenten ihrem eigenen Werk nicht vertraut und wollten auf Nummer sicher gehen.

Doch dies sind nur marginale Kritikpunkte, die angesichts des großartigen Filmes den positiven Gesamteindruck nur unwesentlich trüben. Wer von formelhaften Hollywood-Remakes bekannter Klassiker längst genug hat und einen erfrischend originellen Film sehen möchte, ist mit „Delictum – Im Namen des Herren“ bestens beraten! Man darf auf weitere spanische Genreperlen gespannt sein.


Darsteller

  • Ana Torrent … Francesca
  • Francisco Boira … Pedro
  • Héctor Colomé … Miguel
  • Rocío Muñoz … Jean
  • Francisco Casares … Gabriel
  • Antonio Barbero … Deán
  • María Alfonsa Rosso … Blanca
  • Lucía Navarro … Paqui
  • Miriam Cepa … Rosa

Regie
Elio Quiroga

Produktionsland, Jahr
Spanien, 2009

Delictum – Im Namen des Herren Trailer


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