Das Schönste Mädchen der Welt Kritik

Das „schönste Mädchen der Welt“ ist für Cyril (Aaron Hilmer) ganz eindeutig die ebenso coole wie attraktive Roxy (Luna Wedler). Sie ist vor kurzem von ihrer Schule geflogen und neu in Cyrils Klasse gekommen. Cyril rechnet sich jedoch nicht allzu große Chancen aus, auch wenn er sich während der Klassenfahrt nach Berlin tatsächlich mit ihr anfreundet. Denn einerseits leidet der Außenseiter unter seiner ziemlich großen Nase, weshalb er von den anderen verspottet wird. Und andererseits scheint es Roxy ohnehin eher auf den hübschen Rick (Damian Hardung) abgesehen zu haben. Außerdem gibt es da noch den machohaften Schürzenjäger Benno (Jonas Ems), der Roxy unbedingt rumkriegen will. Um Roxy vor Benno zu schützen, kommt Cyril auf eine ungewöhnliche Idee: Er fängt an, SMS und Liedtexte für Roxy zu schreiben, ohne sich zu erkennen zu geben. Stattdessen gibt er Rick als Autor der Zeilen an, dessen Chancen bei Roxy damit steigen. Eine gute Idee? Oder soll sich Cyril als der wahre Verfasser der emotionalen Texte outen?

„Das schönste Mädchen der Welt“ ist eine moderne Variante des klassischen Versdramas „Cyrano de Bergerac“. Es wurde Ende des 19. Jahrhunderts vom französischen Theaterautor Edmond Rostand geschrieben. Die Geschichte um den unter seiner langen Nase leidenden Cyrano de Bergerac, der von einem enormen poetischen Talent gesegnet ist, diente bereits als Vorlage für Opern, Theateraufführungen und Filme. Die bislang wohl berühmteste filmische Adaption stammt von Fred Schepisi, der die Story als „Roxanne“ 1987 mit Steve Martin in der Hauptrolle in die Kinos brachte. „Das schönste Mädchen der Welt“ wurde vom Wuppertaler Filmemacher und Autor Aron Lehmann inszeniert. Seinen Durchbruch feierte er 2015 mit der Culture-Clash-Komödie „Highway to Hellas“.


„Das schönste Mädchen der Welt“ ist die entstaubte und streng auf die jugendliche Zielgruppe zugeschnittene Variante des Rostand-Dramas. Dass die wesentlichen Handlungselemente und Grundzüge der Geschichte immer noch ausgesprochen gut funktionieren, mehr noch, dass sie absolut zeitlos sind, beweisen Lehmann und sein Team. Denn sie schaffen es, die Story auf authentische Weise in die Lebensrealität heutiger Jugendlicher zu transferieren. Mit allem was dazu gehört: Statt angestaubter Lyrik in Versform, sind es hier zum Beispiel Chat-Nachrichten, SMS und vor allem die Rap-Texte, die mitten ins Herz der Angebeteten treffen. Und die Protagonisten begeben sich, im Gegensatz zum Ursprungswerk, auch nicht mehr in den Krieg sondern ganz zeitgemäß auf eine Klassenfahrt in die deutsche Hauptstadt.

Glaubwürdig gestaltet ist zudem die Art, wie die Jugendlichen miteinander umgehen und welche Rolle digitale und soziale Medien in deren Alltag spielen. Da geht es heute in erster Linie darum, wer mit seinen Posts mehr Likes generiert, eine höhere Anzahl Twitter-Follower besitzt und die spektakulärsten Fotos auf Instagram hochlädt. Die heranwachsenden Figuren und ihre Welt erscheinen durchweg nachvollziehbar, sie wurden von den Drehbuchautoren realistisch angelegt. Nichts wirkt aufgesetzt oder gekünstelt, auch sind die Dialoge von einer hohen Authentizität und Lebensnähe durchzogen. Gut ist ebenso, dass der erfrischende Humor nie Fäkalwitz-Niveau erreicht.

Erfrischend und enorm spielfreudig präsentieren sich außerdem die sympathischen, unverbrauchten Schauspieler. Allen voran Aaron Hilmer und Luna Wedler als Cyril und Roxy. Hilmer, dessen Nase hier in Form und Länge an Steve Martins Zinken in „Roxanne“ erinnert, brilliert als sensibler, melancholischer Träumer, der seine lyrische Begabung nutzt, um seine vielschichtigen Emotionen auszudrücken. Und Wedler stattet ihren – zunächst ein wenig oberflächlich wirkenden – Charakter letztlich mit komplexen Wesenszügen aus. Zwar gibt sich Roxy ihren Mitschülern und Freunden gegenüber oft gewitzt und selbstbewusst, in Wahrheit jedoch handelt es sich um eine ungemein empfindsame Jugendliche mit fragilem Gefühlsleben.

Am Ende sind es nur die überzeichneten männlichen Nebenfiguren und Konkurrenten von Cyril (der überspannte und grenzdebile Rick sowie der schnodderige Benno), die auf Dauer nerven – die einzig nennenswerte Schwäche des Films und deshalb zu verschmerzen.

Fazit: Moderne und frische Neuinterpretationen eines Klassikers, die über vielschichtige (Haupt-)Figuren und ein exakt gezeichnetes Milieu verfügt.

Bewertung: 8/10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.


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