Corpus Christi Kritik

Der 20-jährige Kriminelle Daniel (Bartosz Bielenia) sitzt im Gefängnis. Obwohl er im Knast bekannt ist für seine aggressive Art, sich oft prügelt und alles andere als gottesfürchtig wirkt, nimmt er an den Gottesdiensten teil – die ihn allmählich bekehren. So macht Daniel schließlich eine Art spirituelle Wandlung zum gläubigen Christen durch und nimmt sich fest vor, sich nach seiner Entlassung zum Priester ausbilden zu lassen. Das Problem: Als verurteilter Straftäter darf er keine offiziellen Priesterlehrgänge besuchen. Doch das Glück scheint es nach seiner Zeit im Gefängnis zunächst gut mit ihm zu meinen. Durch Zufall gelangt er in einen kleinen Ort, in dem man einen glaubwürdigen, vertrauenswürdigen Geistlichen gut gebrauchen kann, da die Pfarrersstelle aktuell unbesetzt ist. Prompt gibt sich Daniel als Geistlicher aus und wird bald zu einem festen Bestandteil des Dorflebens. Die Situation ändert sich allmählich, als Daniel immer öfter in Streit mit dem örtlichen Bürgermeister gerät, der zu seinen Dorfbewohnern nicht immer ehrlich ist.

„Corpus Christi“ gehört mit elf polnischen Filmpreisen zu den erfolgreichsten Filmproduktionen in Polen aller Zeiten. Seine Weltpremiere erlebte das Drama bereits im Herbst 2019 beim Filmfest in Venedig. Der Regisseur des Films, Jan Komasa, hatte zuvor bereits Erfahrung im Bereich des Kriegs- aber auch Animationsfilms gesammelt („The Hater“, „Warschau `44“). Gemeinsam mit seinem Team realisierte er „Corpus Christi“ ab 2018 in der polnischen Gemeinde Jasliska in der Woiwodschaft Karpatenvorland im Süden des Landes.

„Corpus Christi“ ist ein ganz beachtlicher, mit einem phantastischen Gespür für Timing und Spannung inszenierter Film über einen jungen Mann, mit dem man als Zuschauer – trotz seiner Lügen – von Beginn an mitfiebert. Das liegt nicht nur daran, weil er den durch einen schrecklichen Autounfall traumatisierten Gemeindemitgliedern (sieben Jugendliche kamen bei dem Unfall ums Leben) Trost und Lebensmut spendet. Sondern in erster Linie an der Tatsache, dass viele der Einheimischen etwas zu verbergen scheinen und sich im weiteren Verlauf des Films als ziemlich scheinheilig erweisen. Allen voran der Bürgermeister der kleinen Gemeinde, die ihren eigentlichen Pater verloren hat, da sich dieser wegen seiner Alkoholsucht in Behandlung begab.

Inhaltlich geht es in „Corpus Christi“ um universelle Themen wie Vergebung, Liebe, Tod, Frömmigkeit aber auch um das Vertrauen fremden, undurchsichtigen Personen gegenüber. Und: um das Aufklären eines mysteriösen Autounfalls, der so viele Familien im Dorf zerstörte. Wenn sich Daniel daran macht, immer weiter nachzuforschen und erste unangenehme Fragen stellt, dann erinnert der Film bisweilen an klassische, aber jederzeit mitreißende Kriminalfilme traditioneller Machart. Im Kern aber ist und bleibt „Corpus Christi“ ein schwermütiges Drama, auch wenn es hier und da humorvolle Einschübe gibt. Etwa wenn sich Daniel bei der Abnahme der Beichte zu Beginn mit der Smartphone-Recherche behelfen muss da er nicht weiß was er sagen soll.

Die Melancholie und Schwermut manifestieren sich in erster Linie auf visueller Ebene. Regisseur Komasa entzieht seinen Bildern fast jegliche Farbgebung und setzt ganz auf düstere Szenerien und entsättigte Bilder. Schon in den ersten rund fünfzehn Minuten, wenn sich Daniel noch im Gefängnis befindet, bestimmen Schatten und ein karger Beleuchtungsstil das Geschehen. Diese reduzierte, einen unnachahmlichen (optischen) Sog entwickelnde Bildsprache wird „Corpus Christi“ bis zum Finale auszeichnen.

Fazit: Von atmosphärischem Feinsinn geprägter und von einer abgründigen Stimmung durchzogener Film über Schein und Sein, Religion, Glaube und die Scheinheiligkeit des einfachen Land- bzw. Dorfbewohners.

Bewertung: 9/10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.


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