A beautiful day Kritik

A Beautiful Day Kritik

Der Ex-FBI-Agent Joe (Joaquin Phoenix) lebt mit seiner Mutter (Judith Roberts) in einer einfachen, kleinen Wohnung. Immer wieder wird er von quälenden Erinnerungen an seine Kindheit heimgesucht, während der er unter seinem gewalttätigen Vater litt. Wirklich arbeitsfähig ist er nicht, um dennoch an Geld zu kommen, lässt er sich als Auftragsmörder anheuern. Sein neuester Job hat es in sich: er soll die Tochter eines Politikers aus der Gefangenschaft eines weit verzweigten Pädophilen-Rings befreien. Bewaffnet mit seinem Hammer, macht er sich auf den Weg in ein heruntergekommenes Bordell in einem der schäbigsten Viertel der Stadt. Dort vermutet Joe die Geisel. Die Befreiung gelingt tatsächlich, doch nun werden Joe und das Mädchen von den Sexhändlern verfolgt.

Joaquin Phoenix erhielt für seine einnehmende Performance bei den letztjährigen Filmfestspielen in Cannes die Auszeichnung als bester Darsteller. Prämiert wurde zudem das Drehbuch von Lynne Ramsay, die den Film auch inszenierte. Für die schottische Regisseurin war es der erste Spielfilm seit 2011 („We need to talk about Kevin“). In den letzten Jahren drehte sie lediglich einen Kurzfilm. Für die Musik von „A beautiful day“, der im Herbst 2016 in nur 29 Tagen gedreht wurde, konnte Ramsay Johnny Greenwood gewinnen. Der Brite wurde als Mitglied der Rockband Radiohead bekannt und komponierte bereits die Musik zu Filmen wie „There will be blood“ oder „Inherent Vice“.


Es sind vor allem die Kompromisslosigkeit und Gefühlskälte, mit der Ramsay ihren Film inszeniert, die verstören und deshalb nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Schonungslos und unerbittlich zeigt sie die Gewalteruptionen von Joe, wie er sich etwa durch das verruchte Bordell mordet, um das Mädchen aus den Fängen der Sex-Händler zu befreien. Mit seinem Hammer drischt er auf jeden ein, der sich ihm in den Weg stellt – rigoros, unerbittlich und brutal. Es sind die Taten eines Mannes, der mit dem Leben abgeschlossen zu haben scheint und deshalb ohne jeden Anflug von Emotionen und völlig ungerührt vorgeht. Sauber, akkurat und schnell. Mit minimalistischer Perfektion.

Der mörderische Exzesse ist dabei oft nur aus der Ferne und leicht unscharf zu erkennen, z.B. aus der Perspektive einer Überwachungskamera in eben jenem Bordell. Außerdem ist nur wenig Blut zu sehen, nur in einer Szene spritzt Joe das Blut fontänenartig und urplötzlich ins Gesicht. Diese beklemmende Beiläufigkeit und regelrecht pedantische Reduziertheit, mit der Ramsay diese Sequenzen inszeniert, ziehen sich wie ein roter Faden durch das Werk. Die Filmemacherin hält sich z.B. auch nicht lange mit einer erklärenden Einführung der Figuren und Handlung auf. „A beautiful day“ startet unvermittelt und endet ebenso unerwartet abrupt.

Am Ende bleiben viele Fragen offen und der Zuschauer muss sich auf vieles einen eigenen Reim machen. Etwa auf die Frage, was genau Joe, der früher bei der US-Army war, während seiner Kriegseinsätze erlebt hat. Oder als er noch als FBI-Agent tätig war. Ganz zu schweigen von den traumatischen Ereignissen in der Kindheit, unter denen er bis heute besonders leidet. Zwar gewährt Ramsay dem Zuschauer hier und da Einblicke in diese lange zurückliegenden, schwer zu verkraftenden Vorkommnisse – in Form effizient gefilmter, drastischer und oft nur wenige Sekunden währender Flashbacks in die Vergangenheit. Doch vieles bleibt nur vage und angedeutet. Das könnte auf den ein oder anderen Kinobesucher wenig zufriedenstellend wirken, passt aber perfekt zur Rätselhaftigkeit und unheilvollen Aura des Films. Rätselhaft, ja fast ins mystisch Überhöhte abdriftend, gestaltet sich ebenso eine traumwandlerische Szene unter Wasser, in der Joe fast eine Minute lang feenartig im Wasser schwebt und den Freitod gewählt hat. Bis er sich doch noch für das Leben entscheidet.

In all diesen Momenten, egal ob es die Szenen der Gewaltausbrüche oder die der flüchtigen Rückblicke in die Vergangenheit sind, brilliert Joaquin Phoenix als vom Leben gezeichnetes, psychisches Wrack. Ein Mann, der sich mit regungsloser Gestik und Mimik durch seinen Alltag kämpft, das Gesicht hinter einem dichten, krausigen Bart versteckt. Überhaupt das Äußere, die Hülle von Joe: Phoenix‘ Körper ist in „A beautiful day“ mit Narben übersät und die Schulter leicht verdreht. Sein geschundener Körper ist das tragische Spiegelbild dessen, was seine Figur Joe in seinem Leben bislang an Qualen und Schmerz durchleiden musste.

Phoenix spricht in „A beautiful day“ nicht sehr viel, doch er muss es auch gar nicht. Er lässt Taten sprechen. Und darunter durchaus gute und bemerkenswerte: wie leidenschaftlich und liebevoll er sich etwa um seine demente Mutter oder die befreite Geisel kümmert, steht in krassem Widerspruch zu seinem sonst cholerischen, gewalttätigem Wesen. Dieser Kontrast passt jedoch wiederum ganz wunderbar zur Wirkung dieses herausragenden Films, in dem Zärtlichkeit und Brutalität, Emotionen und innere Leere, stets ganz dicht beisammen liegen.

Fazit: Ein Mann sieht rot: mit stoischer Miene und beklemmender Nüchternheit, erledigt Killer Joaquin Phoenix – in einer seiner bisher stärksten Rollen – seine Auftragsmorde. Hinter der harten Schale verbirgt sich jedoch eine geschundene, fast tote Seele. „A beautiful day“ ist dringlich, ungeschönt und bleibt lange im Gedächtnis.

Bewertung 10/10

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Björn Schneider.


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