96 Hours – Taken

96 Hours„Verzweifelter Vater kämpft um das Leben seines entführten Kindes“.
Unzählige Filme erschöpften sich bereits in diesem höchst simplen Plotelement, und der französische Actionthriller „96 Hours“ bildet darin keine Ausnahme. Die Skepsis vieler Filmfans ist so gesehen natürlich mehr als verständlich. Zu allem Überfluss steht mit Liam Neeson („Schindlers Liste“, „Star Wars – Episode I“) ein Schauspieler im Mittelpunkt, der weniger für die Verkörperung von Actionrollen, denn für anspruchsvolle Stoffe bekannt ist.
Ob diese Kombination dennoch einen mitreißenden Thriller bewirkt oder einen weiteren Rohrkrepierer des „Einsamer-Held-jagt-böse-Buben“-Subgenres darstellt, wird in nachfolgender Rezension ergründet, die garantiert keine 96 Stunden beanspruchen wird.
96 hours titel
Paris – die Stadt der Hiebe!

96-hours-szenenbild_10

Der alternde Ex-CIA-Agent Bryan Mills (Liam Neeson) leidet unter der Scheidung von Leonore (Famke Janssen), die ihm jeden Kontakt mit der gemeinsamen Tochter Kim (Maggie Grace) möglichst schwer gestaltet. Noch dazu überhäuft Leonores neuer Mann Stuart (Xander Berkeley) Kim mit allerlei Kostbarkeiten, was Mills natürlich sauer aufstößt.
Eines Tages plant Kim mit ihrer besten Freundin Amanda (Katie Cassidy) eine Reise nach Paris. Die Warnungen ihres Vaters, keinen Fremden zu trauen und dunkle Viertel zu meiden, nimmt sie nicht weiter ernst. Ein schwerer Fehler, denn ein scheinbar netter junger Franzose entpuppt sich als skrupelloser Mädchenhändler und lässt die beiden US-Teenager kaltblütig entführen, um sie als Prostituierte zu verkaufen.
Kurzerhand nimmt der ehemalige Top-Agent Mills das Recht in die eigene Hand und spürt den Menschenhändlern nach, die schmerzhaft am eigenen Leib erfahren müssen, sich mit dem falschen Mann angelegt zu haben …

Inoffizieller James Bond

96-hours-szenenbild_01

Klingt vertraut? Ist es auch! Seit Jahrzehnten beglückt uns die Filmindustrie mit meist formelhaften Rache-Thrillern. Ob es sich um Charles Bronsons „Ein Mann sieht rot“ oder Mel Gibsons „Kopfgeld“ handelt: Knallharte Kerle, die kein Vertrauen in die Polizei setzen und lieber – buchstäblich – auf eigene Faust handeln, zählen längst zum Standard-Repertoire im Filmgeschäft.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich der französische Streifen nicht von unzähligen Vorgängern. Und doch gelingt Pierre Morel ein erstaunlich frisch wirkendes Werk, das den wenige Monate zuvor gestarteten James-Bond-Film „Ein Quantum Trost“ bei weitem in den Schatten stellt. Tatsächlich muss „96 Hours“ den Vergleich mit der berühmten Filmserie nicht scheuen und empfiehlt sich als veritabler Ersatz für jene, die vom aktuellen James-Bond-Streifen herbe enttäuscht wurden.

Besson Inside

96-hours-szenenbild_15

Ein Blick auf den Produzenten sowie Drehbuchautor macht klar, weshalb dem so ist: Der eigenwillige Luc Besson wirkte am Drehbuch mit, was durchaus zu erkennen ist. Zwar verzichtet er auf seine berühmten optischen Gimmicks oder skurrilen Details, doch sein Hang zu schnörkelloser Gewalt und ungewohnt amoralischen Storywendungen machen „96 Hours“ zu einem der mit Abstand besten Thriller der letzten Jahre.

Nach dem sehr ruhigen Einstieg, der ein Drittel der Filmlänge beansprucht, lässt Pierre Morel ein Actionfeuerwerk vom Stapel, das sich gewaschen hat. Der Gegensatz zur meist weichgespülten Samthandschuh-Action „Made in Hollywood“ ist drastisch: Morel bzw. Besson machen keine Gefangenen und übertragen dieses Motto auf ihren Protagonisten. Ex-Agent Mills ist ein entfesselter Racheengel, der nur ein einziges Ziel kennt. Und um dieses Ziel zu erreichen, ist ihm jedes Mittel recht.

96-hours-szenenbild_06

Viele Rezensenten stoßen und empören sich am Zynismus und den Gewaltorgien, die „96 Hours“ ungefiltert zeigt. Zugegeben: Political Correctness, versöhnliche Töne, Toleranz gegenüber anderen Kulturen und ähnliches rammt der Streifen ungespitzt in den Boden und spuckt noch darauf. Wer mit diesem Umstand Probleme hat, befindet sich bei „96 Hours“ definitiv im falschen Film.

Wer hingegen ehrliche Action ohne Tabus zu schätzen weiß, wird diesen Film lieben! Liam Neeson liefert eine überragende Performance ab, die man ihm kaum zugetraut hätte: Ohne unglaubwürdig zu wirken, schlägt, prügelt, foltert und schießt er sich durch die Stadt an der Seine. Angenehmerweise verzichtet Regisseur Morel auf Rechtfertigungen oder moralische Aspekte. Mills blutiger Feldzug benötigt nichts davon, denn er will nur eines: Seine Tochter aus den Klauen menschlicher Bestien retten und die skrupellosen Hinterleute zur Strecke bringen.

Foltaire

96-hours-szenenbild_14

Ob es gerechtfertigt ist, zu Foltermethoden zu greifen und mitunter Kollateralschäden zu verursachen, wird völlig ausgeklammert. Schließlich hat sich der verzweifelte Vater jedes Recht dazu erworben, da man ihm sein Kind geraubt hat. Und mehr noch: Verhandelt wird nicht! Ein ironischer Seitenhieb auf die europäische Appeasement-Politik. Oder um mit Voltaire zu sprechen: „Mein Leben ist ein Kampf!“

Natürlich kann man die teils doch sehr an den Haaren herbeigezogenen Zufälle und Merkwürdigkeiten kritisieren. Beispielsweise scheint es für wenig Aufsehen zu sorgen, wenn mitten in Paris plötzlich dutzende Menschen, die meisten davon Einwanderer aus Osteuropa, förmlich hingerichtet werden. Und dass sich ein winziges Detail eines mit einer Handykamera aufgenommenen Fotos auf eine Größe vergrößern lässt, die ein im Glas gespiegeltes Gesicht klar erkennen lässt, ist selbstverständlich völliger Nonsens.
Doch an solchen Kleinigkeiten sollte man sich in einem Actionthriller ohnehin nicht stoßen, sondern ihn einfach nur genießen.

96-hours-szenenbild_16

Viel eher sollte man sich über die Unsitte ärgern, englische Filmtitel mit einem ebenfalls englischen Titel ins Deutsche zu „übersetzen“. Was es am Originaltitel „Taken“ auszusetzen gab, um ihn durch „96 Hours“ zu ersetzen, erschließt sich einem jedenfalls nicht.

Einerlei: Wer knallharte Action ohne Rücksicht auf Moral oder politische Korrektheit liebt, wird an „96 Hours“ seine helle Freude haben! Alle anderen sollten lieber einen weiten Bogen um den Streifen machen.


Darsteller

  • Liam Neeson … Bryan
  • Maggie Grace … Kim
  • Katie Cassidy … Amanda
  • Famke Janssen … Lenore
  • Xander Berkeley … Stuart
  • Olivier Rabourdin … Jean Claude
  • Leland Orser … Sam

Regie
Pierre Morel

Produktionsland, Jahr
Frankreich, 2008

96 Hours – Taken Trailer


Weitere Filme/Informationen:

1 Kommentar so far »

  1.  

    Michael said

    Juni 11 2010 @ 17:11

    Ein genialer Film – lief auch gerade erst bei SKY. Hab ihn inzwischen mehrfach gesehen. Geht am Anfang ein wenig langsam los – aber dann geht das Feuerwerk los. Ist einer meiner Lieblingsfilme geworden und Liam Neeson passt auf die Rolle als rächender Familienvater perfekt.

Comment RSS · TrackBack URI

Leave a comment

Name: (Required)

eMail: (Required)

Website:

Comment: