127 Hours Kritik

Was dem abenteuerlustigen Bergsteiger Aron Ralston 2004 zustieß, ist der Stoff, aus dem Alpträume gemacht werden. 127 Stunden lang musste er fernab der Zivilisation in einem Canyon ausharren – festgehalten vom eigenen Arm, der in einem Felsblock eingeklemmt steckte. Ralston überlebte nur deshalb, weil er den Arm mit einer stumpfen Klinge amputierte. Für unsereins komplett unvorstellbar und deshalb ideales Futter für einen großen Hollywood-Film!

Oscar-Preisträger Danny Boyle nahm sich 2010 des ebenso fesselnden, wie buchstäblich beklemmenden Falles an und zimmerte daraus das Drama „127 Hours“. Dankenswerterweise nicht in Realzeit, sondern auf knapp zwei Stunden komprimiert.

Wüste Geschichte
Bergsteigen und Extremsportarten stellen die größten Leidenschaften von Aron Ralston (James Franco) dar. Im Jahr 2003 bricht er wieder einmal zur Erkundung eines Canyons in Utah auf, wie immer alleine. Zufällig laufen ihm die beiden Wanderinnen Kristi (Kate Mara) und Megan (Amber Tamblyn) über den Weg, denen Aron die Schönheit des zerklüfteten Wüstengebietes näherbringt.

Später, als er wieder allein ist, klettert er übermütig eine Felsspalte entlang, die ihm zum Verhängnis werden soll. Aron rutscht ab und stürzt hinab. Dummerweise hat sein Absturz einen Felsblock gelöst, der seinen rechten Arm einklemmt und den ansonsten weitgehend unverletzten jungen Mann gefangen hält.

Anfangs weigert sich Aron, die ausweglose Situation zu erkennen. Mit Hilfe kann er nicht rechnen, befindet er sich doch viele Meilen von jeglicher Zivilisation entfernt. Zudem weiß niemand von seinem Kletterausflug, sodass selbst eine Vermisstenmeldung in weiter Ferne ist. Verzweifelt versucht er, sich aus der misslichen Situation zu befreien. Doch alle Versuche scheitern und langsam, aber sicher gehen die kärglichen Vorräte an Wasser und Nahrung zur Neige. Ein ungeheurer Gedanke füllt seinen Verstand immer mehr aus: Der Arm muss weg …

Verfilmung eines realen Vorfalls
Wann immer Biographien verfilmt werden, droht eine Heroisierung des Protagonisten oder eine Zurechtbiegung von Fakten, um ihn oder sie noch heldenhafter erscheinen zu lassen. Vor der Anwendung dieser bedenklichen Methode dürfte kaum jemand besser gefeit sein, als „Slumdog Millionär”-Regisseur Danny Boyle. Der Brite inszeniert seine Filme viel zu eloquent und unverblümt, um in eine solche Gefahr zu geraten.

Das Drama „127 Hours” entpuppt sich wenig überraschend auch als ideale Steilvorlage für Boyle. Viele Regisseure wären wohl der Versuchung erlegen, das zentrale Moment des schauerlichen Geschehens sensationslüstern aufzublasen und quasi den gesamten Film dieser einen Szene unterzuordnen. Boyle hingegen widmet der Amputation überraschend wenig Raum und schildert sie geradezu unaufgeregt. Dies kann er sich auch erlauben, denn sein neues Werk hat bis zu diesem (späten) Zeitpunkt das Interesse des Zuschauers längst für sich eingenommen und serviert das Grauen wie eine Kirsche auf dem Sahnehäubchen.

Geschickt schildert er Aron Ralston weder als Übermenschen, noch als bedauernswertes Opfer der Gesellschaft. Der von James Franco außergewöhnlich intensiv dargestellte Abenteurer wird als ganz gewöhnlicher Mensch geschildert, der sein langweiliges Leben (er arbeitet für eine Versicherung) mit Extremsport aufpeppt. Wenngleich der verhängnisvolle Unfall als Kette unglücklicher Umstände erscheint, hat sich letzten Endes Aron selbst in diese Lage gebracht, wie er in einem seiner Selbstgespräche erkennt. Ganz bewusst wählte er einsame Orte wie diesen, und ebenso bewusst hat er niemanden von seiner gefährlichen Tour unterrichtet, sodass er keinerlei Hilfe erhoffen darf.

Packende Tour de Force
Sein gesamtes Leben, so reflektiert Aron in gleichgültiger Anwesenheit einer Videokamera, hat auf diesen Moment hingeführt. Weshalb, das schildert Boyle in eindrucksvollen Bildern, Split-Screens und Traummontagen. Wie eine zweite Haut klebt die Kamera an James Franco und begleitet ihn durch seine traumatische Achterbahnfahrt, die – so makaber es auch klingen mag – mit einer seelischen Reinigung des Amputierten endet. Immerhin behauptet der echte Aron Ralston, dass er sein „neues“ Leben viel intensiver führe als das „alte“. Seinem Arm, der übrigens später geborgen und kremiert wurde, weint er keine Träne nach.

Gewiss: Ein sehr dramatischer Lebenseinschnitt, den die meisten von uns dankenswerterweise nie erleben „dürfen“. Und dennoch inszeniert Boyle daraus mehr als nur einen spannenden Film samt gruseliger Amputationsszene. „127 Hours“ ist die Geschichte eines wahren Helden. Damit ist kein Mensch gemeint, der in irgendeinem unsinnigen Krieg sein Leben zugunsten einer abstrusen propagandistischen Idee opfert, sondern ein Mann, der in einer Extremsituation sein Ich kritisch reflektiert und daraus Erkenntnisse schöpft, die er ansonsten wohl nie gewonnen hätte. Aron Halston ist ein Held im metaphysischen Sinne – und Danny Boyle ist sein filmisches Sprachrohr.

Fazit: Mit „127 Hours“ schuf Boyle ein ungemein berührendes und nachdenklich stimmendes Drama, das insbesondere dank des großartigen James Franco in Erinnerung bleiben wird. Wer diesen Film aber lediglich der Amputationsszene anguckt, hat das Medium Film nicht verstanden und wäre in „Saw“ besser aufgehoben.

Diese Filmkritik schrieb unser Redakteur Rainer Innreiter


Darsteller

  • James Franco … Aron Ralston
  • Kate Mara … Kristi
  • Amber Tamblyn… Megan
  • Sean Bott … Freund von Aron
  • Koleman Stinger… Aron als 5-jähriger Junge
  • Kate Burton … Arons Mutter
  • Treat Williams… Arons Vater
  • John Lawrence … Brian
  • Bailee Michelle Johnson … Sonja als 10-jährige
  • Rebecca C. Olson … Monique Meijer
  • Parker Hadley … Aron als 15-jähriger Junge
  • Clémence Poésy … Rana
  • Fenton Quinn … Blue
  • Lizzy Caplan … Sonja Ralston

Regie
Danny Boyle

Produktionsland, Jahr
USA, 2010

127 Hours Trailer


Weitere Filme/Informationen:

1 Kommentar so far »

  1.  

    DiSta said

    April 28 2011 @ 15:07

    Also ich habe die Vorschau gesehen, nennt mich Weichei oder so, aber ich fand die Vorstellung schon echt ekelhaft. Respekt dass der Typ das in Echt auch durchgezogen hat. Ich wüsste nicht ob ich soviel mut hätte, mir den Arm abzuschneiden.

Comment RSS · TrackBack URI

Leave a comment

Name: (Required)

eMail: (Required)

Website:

Comment: